Warum Kunst und Kultur Social Media kritisieren – und trotzdem bleiben
Social Media galt lange als Versprechen: mehr Teilhabe, mehr Vernetzung, mehr Öffentlichkeit. Heute sorgt man sich eher um Hassrede, Polarisierung oder Privatsphäre. Der Kultursektor kommt an den großen Plattformen kaum vorbei. Doch im Kunst- und Kulturbereich wächst die Skepsis.
Die Kulturkommunikation kennt den Widerspruch aus der gelebten Praxis. Für den Container25 aus Wolfsberg ist Social Media unverzichtbar, um die eigenen Veranstaltungen zu bewerben. Dabei gibt es aber gravierende Probleme. Alina Volk von Container25 sieht eine immer schwierigere Debattenkultur: „Wir haben schon gemerkt, dass in letzter Zeit Kommentare auf Facebook einfach immer ärger werden.“ Hass und Polarisierung scheinen keine Ausnahme, sondern in der Aufmerksamkeitsökonomie eher die Regel.
Auch Katharina Karner von der IG Kultur Steiermark kennt diese Dynamik. Als ein Beitrag ihres feministischen Chors viral ging waren sie mit sehr vielen negativen Reaktionen beschäftigt – der Beitrag erschien offenbar besonders oft bei all jenen Leuten, die diese Inhalte eben nicht zu schätzen wissen - und die Gelegenheit nutzen ihren Frust offen und ungefiltert an jemandem auszulassen: „Wir sind ertrunken vor frauenfeindlichen Kommentaren.“ Das Problem sind nicht ein paar Einzelfälle, es geht um das System „Ragebait“. Es ist die Vernetzung all jener, die sich gegenseitig bestärken und aufhetzen – eine zornige Echokammer. Wut ist ein starker Aktivitätstreiber im Internet. Die Plattformen scheinen das zu fördern. Engagement um jeden Preis.
Die Geschäftsmodelle der großen Tech-Konzerne basieren darauf, unser Verhalten auszuspionieren, um unsere Aufmerksamkeit gezielt an Werbekunden verkaufen zu können. Fabian Veider vom Verein Werbefrei beschäftigt sich mit den Auswirkungen kommerzieller Werbung: „Wir stehen dem sehr kritisch gegenüber, da große Plattformen aufgrund von Tracking und personalisierter Werbung funktionieren.“ Das Geschäftsmodell basiert auf umfassender Datensammlung, Verhaltensanalysen und algorithmischer Vorhersage.
Das mag für Profit sorgen, die Nutzung wird dadurch sichtlich unangenehmer. Alina Volk vom Container25 sieht privat deshalb immer weniger Sinn in Social Media: „das ist der Grund, warum ich Facebook nicht mehr nutze. Weil es einfach immer mehr zugemüllt wird mit Werbung und KI-generierten Content.“ Massenhaft erzeugte KI-Inhalte, sogenannter „AI-Slop“, werden mittlerweile fast ungefiltert druch die Feeds gespült. Da die künstlich generierten Inhalte immer schwieriger unterscheidbar werden, bekommt die Debatte um Desinformation und Demokratie neues Futter. Die Fact-Checks und automatisierte Moderation, die Hassreden eindämmen sollten, wurden in den letzten Jahren bereits massiv abgebaut.
Die Abhängigkeit von den Konzernen
Wer Menschen erreichen möchte, braucht Reichweite. Ella Kronberger von der KUPF Oberösterreich formuliert es klar: „Ich glaube derzeit ist auf jeden Fall so, dass wir Meta brauchen.“ Für kleinere Initiativen gibt es gegenwärtig kaum vergleichbare Alternativen mit ähnlicher Reichweite. Auch Alina Volk beschreibt die Situation pragmatisch: „Die sozialen Medien sind essenziell für uns, um mit unserer Community im Austausch zu bleiben.“
Im Sektor wird mittlerweile nach Alternativen gesucht. Mastodon bietet eine dezentrale offene Infrastruktur, ist in der Bedienung aber nicht immer ganz niederschwellig. Außerdem erreicht man dort weit weniger Menschen. Ella Kronberger sieht auch eine Rückbesinnung zu traditionelleren Formen: „Wir machen wieder mehr Newsletter!“ Doch auch im Verein Werbefrei kann man sich den Exodus noch nicht ganz vorstellen: „Solange es keine guten Alternativen gibt, werden wir beispielsweise Instagram weiterhin bedienen,“ so Fabian Veider.
Trotz aller Kritik gibt es immer noch Momente, die daran erinnern, warum soziale Netzwerke einst so attraktiv waren. „Mein Erfolgserlebnis war nicht die Art von Zahlen, die ich generiert habe, sondern die Community, die entstanden ist,“ so Ella Kronberger. Auch Katharina Karner sieht nach wie vor Potenzial für echte Begegnungen. Doch wenn sie die Apps in der Sommerpause wieder löscht, geht das immer mit einer gewissen Erleichterung einher.
Und wenn die Lösung keine neue Plattform ist?
Vielleicht geht es nicht nur um die Frage, welche Plattform wir nutzen, sondern welche Öffentlichkeit wir überhaupt wollen. Über Jahre haben wir Kommunikation an einige wenige globale Unternehmen ausgelagert. Nun stellen wir fest, dass diese Infrastruktur nicht neutral ist. Aber ganz alternativlos ist sie auch nicht. Vielleicht können wir uns gerade im Kunst- und Kultursektor wieder etwas mehr darauf besinnen, selbst Öffentlichkeit und Gemeinschaft herzustellen. Das geht am besten dort, wo Menschen zusammenkommen - ganz ohne auf einen Bildschirm zu starren.
Podcast: Unkultur Soziale Medien: Teilen wir das noch?
Alle schimpfen auf Social Media. Zu viel Werbung, zu viel KI-Müll, zu viel Hass und Empörung. Gerade im Kunst- und Kulturbereich wächst die Skepsis gegenüber Plattformen, die Aufmerksamkeit zur Ware machen. Gleichzeitig sind soziale Medien für viele Kulturinitiativen, Vereine, Künstler:innen und Veranstalter:innen nach wie vor zentrale Kommunikationskanäle. Wer sichtbar sein möchte, kommt oft nur schwer an ihnen vorbei.
Was tun, wenn Veranstaltungen beworben, Projekte sichtbar gemacht und Communities erreicht werden müssen? Gemeinsam mit Ella Kronberger (KUPF OÖ), Katharina Karner (IG Kultur Steiermark), Alina Volk (Container25) und Fabian Veider (Werbefrei) sprechen wir über digitale Abhängigkeiten, verlorene Alternativen und die Frage, warum Social Media trotz aller Kritik für viele unverzichtbar bleibt.
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Aber echt. Machst du auch „was mit Kultur“? Der Podcast der IG Kultur mit Patrick Kwasi.
Kultur macht Gesellschaft? Aber wer macht eigentlich Kultur? Was will ich hier eigentlich und was hat das Ganze mit mir zu tun? Patrick Kwasi von der IG Kultur zu Hoch-, Sub- oder auch mal Unkultur - aber jedenfalls immer persönlich mit den Leuten, die da auch drinstecken. Machst du eigentlich auch „was mit Kultur“?
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Patrick Kwasi macht „was mit Kultur“, sonst macht er auch was mit Medien. Er hat Medienkommunikation studiert und macht die Medienarbeit der IG Kultur. Meistens versucht er Dinge zu verknüpfen und hat am Ende mehr Fragen als Antworten.
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