Infrastrukturarbeit ist nicht selbstverständlich
Kulturelle Infrastruktur entsteht nicht von selbst: Sie wird tagtäglich durch Koordination, Beziehungspflege, Wissensarbeit und Konfliktmoderation hergestellt – meist unsichtbar und oft unbezahlt. Am Beispiel von Trans Europe Halles analysiert Marthe Nehl, was diese Arbeit trägt, warum Netzwerke dafür zentrale Räume sind und weshalb sie endlich kulturpolitisch ernst genommen werden muss.
Kulturelle Infrastrukturarbeit wird tagtäglich von Kulturarbeitenden verrichtet und ist paradoxerweise in der Regel weder offiziell anerkannt noch vergütet. Dabei ermöglicht gerade dieser Aspekt von Kulturarbeit ein vielseitiges kulturelles Leben und bildet damit eine wichtige Grundlage demokratischer Praxis auf lokaler sowie auf EU-Ebene. Rezipient*innen sind dabei sehend, hörend, fühlend, und lesend Zeug*innen dieser Arbeit. In meinem Beitrag stelle ich das Netzwerk Trans Europe Halles (TEH) – dem ich mich im Rahmen meiner Dissertation gewidmet habe – als praktisches Beispiel für die infrastrukturelle Dimension vernetzten Arbeitens vor. Durch Einblicke ins Innere von TEH möchte ich verdeutlichen, was kulturelle Infrastrukturarbeit sein kann, wer sie macht, und dass dies kulturpolitische Verankerung braucht.
Den Hintergrund zum Vordergrund machen
„Kultur“ ist nicht von sich aus resilient, wie oft behauptet wird, sondern basiert auf Infrastrukturarbeit, die – im Allgemeinen als selbstverständlich angesehen – tendenziell in den Hintergrund rückt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sowohl Politik als auch betroffene Akteure diese Situation nicht klar benennen. Doch warum ist das so? Fehlt dafür vielleicht einfach der Begriff? Infrastrukturarbeit meint „bewusste menschliche Arbeit, die für die Aufrechterhaltung des kollektiven Lebens von grundlegender Bedeutung ist, indem sie infrastrukturelle Zusammenhänge ermöglicht, vermittelt, aufrechterhält und modifiziert“[1]. Wenn wir kulturelle Infrastruktur demnach als Räume, Gebäude, Technik, und Ideen verstehen, dann sind es die Praktiken, Routinen und Beziehungen aktiver Kulturproduzent*innen, die daraus gesellschaftliche Möglichkeitsräume machen und diese erhalten[2].
Wenn wir kulturelle Infrastruktur als Räume, Gebäude, Technik, und Ideen verstehen, dann sind es die Praktiken, Routinen und Beziehungen aktiver Kulturproduzent*innen, die daraus gesellschaftliche Möglichkeitsräume machen und diese erhalten.
Demzufolge haben Kulturproduzent*innen hier eine zentrale Funktion, da ohne ihre kontinuierliche, aktive Arbeit keine kulturelle Infrastruktur bestünde[3]. Um die lokale Arbeit international zu stärken, organisieren sich Akteure in Netzwerken wie Trans Europe Halles, dem europäischen Dachverband unabhängiger Kulturzentren, was zu einer weiteren Dimension von Infrastrukturarbeit führt. So organisieren sich bei TEH rund 170 unabhängige, sozio-kulturell geprägte Kunst- und Kulturzentren, die in über 40 Ländern spartenübergreifende Kulturprogramme in umgenutzten Gebäuden realisieren. Unabhängigkeit meint in diesem Zusammenhang auch, nichtstaatliche und selbstbestimmte, gegebenenfalls auch kritische politische Arbeit zu machen zu können. Die eng mit der Nachbar*innenschaft verwobenen Kulturzentren gelten als offene, vielfältige und hybrid organisierte Orte, die Bewohner*innen in Kulturproduktion einbinden, was soziale Teilhabe, Gemeinschaftsbildung und demokratische Prozesse unterstützt. Das Netzwerk besteht seit 1983 und setzt sich von Beginn an für Beteiligung, lokale Verankerung, soziale und kulturelle Vielfalt, politische Bildung und künstlerische Freiheit ein.
Eine Teilstudie meiner Doktorarbeit habe ich diesem langen Bestehen des Netzwerks gewidmet und mir die Frage gestellt, was Netzwerke eigentlich intern zusammenhält. Woraus nährt sich die Bereitschaft zusätzliche, internationale Infrastrukturarbeit über einen so langen Zeitraum zu bewerkstelligen?
Dimensionen kultureller Infrastrukturarbeit
Um die Dimensionen kulturelle Infrastrukturarbeit begrifflich einzuordnen, schlage ich das Konzept „infrastructuring togetherness“[4] vor. Im übertragenen Sinne bedeutet das für mich, dass Infrastrukturarbeit Zusammengehörigkeit ermöglichen muss, um so einen Nährboden für internationale politische Arbeit und Interessensvertretung zu bieten. Der zentrale Punkt ist: Ein Netzwerk ist kein immer einsatzbereites Werkzeug, sondern bedarf zusätzlicher Arbeit wie Koordination, Beziehungspflege, Übersetzung, Dokumentation, Moderation von Konflikten, Gastgeber*innenschaft und Transfer von Wissen. Um diese Arbeit zu verstehen, hilft es, TEH als sozio-materielle, kontinuierlich wachsende, relationale Infrastruktur zu begreifen, also als ein nie fertiges, immer Arbeit bereitendes Gebilde. Analytisch zeigt die Studie zwei miteinander verflochtene Praxisbereiche: Aufbau und Pflege der Gemeinschaft (infrastructuring community) einerseits und die kulturpolitische Interessenvertretung bzw. das Organisieren von Außenwirkung (infrastructuring cultural advocacy) andererseits. Dabei hilft es, zwischen „Projektzeit“ und „Infrastrukturzeit“ zu unterschieden. Während erstere auf Deadlines, Outputs und Förderzyklen getaktet ist, braucht Infrastrukturzeit Kontinuität, die entscheidend dafür ist, dass Teilhabe und aktives Mitgestalten der Netzwerkarbeit überhaupt möglich sind und bleiben. Wenn wir von Netzwerkarbeit sprechen, sprechen wir also von zwei unterschiedlichen Zeitregimen.

Rhythmen kultureller Infrastrukturarbeit: Die Netzwerktreffen bei TEH
Bei TEH wird Zusammengehörigkeit (togetherness), als aktives Erleben von Gemeinschaft[5], halbjährlich durch immer größer werdende Netzwerktreffen ermöglicht. Die Realisierung dieser Treffen bildet den Dreh- und Angelpunkt der Infrastrukturarbeit. Mitgliedszentren zeigen dabei eine hohe Bereitschaft, ein Netzwerktreffen auszutragen, da ihnen die Aufmerksamkeit und internationale Zusammenarbeit kulturpolitische Vorteile bringen, beispielsweise in Verhandlungen mit Stadt- oder Kulturverwaltungen. Bei TEH sind diese Treffen hybride Formate aus Performances, Workshops, Trainings und vor allem Networking.
Hier wird deutlich, dass sich Infrastruktur nur im Prozess verstetigt, wobei das ständige Anpassen an sich ändernde Bedingungen auch Handlungsspielräume eröffnet.[6] Netzwerkerhaltung ist dabei keineswegs eintönig, ganz im Gegenteil, Infrastrukturarbeit ist kreativ und führt zu Innovation, die es erlauben Ausschlussmechanismen aktiv entgegenzuwirken. Denn Infrastrukturen dienen denen, die sie schaffen und erhalten, und schaffen dadurch unweigerlich auch Ein- und Ausschlüsse[7]. Wichtig ist deshalb, nicht zu weit im Voraus zu planen, um neue Mitglieder und ihre Bedürfnisse und Ideen zu integrieren, d.h. sie aktiv an der Infrastrukturarbeit teilhaben zu lassen. An den gemeinschaftlich organisierten, halbjährlichen Netzwerktreffen wird außerdem deutlich, wie TEH diese infrastrukturelle Zeit durch Projektzeit zumindest teilweise kollektivieren kann und damit EU-weite, demokratische Kulturarbeit langfristig stabilisiert.
Es wäre wertvoll, Zeitregime bewusst zu gestalten und Infrastrukturzeit mitzudenken; also kontinuierliche Arbeit zu ermöglichen, die jenseits von Projektlogiken liegt und deren Gestaltung langfristige Teilhabe sowie demokratisches Miteinander erst erlaubt.
Ein Netzwerktreffen findet nicht zufällig irgendwo statt, sondern wird meist strategisch in politische Aushandlungsprozesse des austragenden Kulturzentrums eingebettet, wo es als besonders wirksamer Hebel in der Interessensvertretung fungiert. Die von Projektzeit geprägte Organisation von Netzwerktreffen, ermöglicht trotz – oder vielleicht gerade wegen – ihrer zeitlichen Begrenzung eine Intensität, die es erlaubt, wirkungsvoll Beziehungen zu pflegen, neue Zielgruppen einzubinden und letztendlich sogar Räume langfristig zu sichern. Und trotz finanzieller und ökologischer Kosten hält TEH an den physischen Treffen fest. Sich sehen, gemeinsam ein paar Tage verbringen, debattieren, lernen und lachen, stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl, was sich in meiner Studie als nicht zu unterschätzender Anteil kultureller Infrastrukturarbeit dargestellt hat.
Ausblick
Infrastrukturarbeit wie Koordination, Wissensweitergabe, Konfliktmoderation und Beziehungspflege sind nicht nur Zusatzaufgaben, sondern zentrale Bestandteile kultureller Praxis, die in Netzwerken sichtbar werden. Von TEH lässt sich lernen, wie wertvoll es wäre, Zeitregime bewusst zu gestalten und Infrastrukturzeit mitzudenken; also kontinuierliche, unspektakuläre, aber entscheidende Arbeit zu ermöglichen, die jenseits von Projektlogiken liegt und deren Gestaltung langfristige Teilhabe sowie demokratisches Miteinander erst erlaubt. Nicht zuletzt zeigt TEH, dass kulturelle Infrastrukturarbeit auch kulturpolitisch ist, da kollektive Strukturen wie Advocacy‑Gruppen wichtige Hebel bilden, um lokale Anliegen in größere kulturpolitische Debatten einzuspeisen und auf verschiedenen Ebenen laut zu werden.
Durch die enge Arbeit mit und durch kulturelle Netzwerke kann die Europäische Union ihren Einfluss im Bereich Kultur ausweiten, wo ihr durch das Subsidiaritätsprinzip nur begrenzt Kompetenzen gegeben sind. Dass sich Netzwerke (durch Infrastrukturarbeit) selbst erneuern und so ihr Fortbestehen sichern, sollte also hohe Priorität erhalten. Mit meiner Forschung möchte ich verdeutlichen, dass dieser Fortbestand – und die dafür notwendige Infrastrukturarbeit – keine Selbstverständlichkeit ist und es deshalb unbedingt starker struktureller Förderung bedarf, die nicht nach jeder Überarbeitung zusätzliche Anforderungen an die Netzwerke und ihre Akteure stellt. Für die Netzwerke bedeutet dies auch, sich auf ihre Kernkompetenzen zu berufen, vielleicht Unsichtbares sichtbar zu machen, und vor allem nicht mehr zu versprechen als sie leisten können. Denn das ist viel, und so viel mehr wert als es derzeitige Evaluationen zeigen können.
Dr. Marthe Nehl forscht und lehrt zu kultureller und sozialer Infrastruktur und an der Schnittstelle zu Stadtentwicklungsfragen an der Universität in Lund, Schweden.
Coverbild © Marthe Nehl
1 Stokes, Kathleen und Alejandro De Coss-Corzo (2023): ‚Doing the Work: Locating Labour in Infrastructural Geography‘. In: Progress in Human Geography, 47 (3), S. 427–446. doi: http://www.doi.org/10.1177/03091325231174186.
2 Kagan, Sacha, Volker Kirchberg und Ursula Weisenfeld-Schenk (Hg*innen) (2019): ‚Stadt als Möglichkeitsraum. Experimentierfelder einer urbanen Nachhaltigkeit‘. Urban Studies. Transcript.
3 Bain, Alison L. und Julie Podmore (Hg*innen) (2023): ‚The Cultural Infrastructure of Cities‘. Urban Worlds. Agenda Publishing.
4 Nehl, Marthe und Friederike Landau-Donnelly (2025): ‚Infrastructuring Togetherness: Exploring Eventification of Community and Advocacy in a European Network of Cultural Centres‘. In: Cultural Trends, S. 1–19. doi: www.doi.org/10.1080/09548963.2025.2458267.
5 Aiken, Gerald Taylor (2017): ‚The Politics of Community: Togetherness, Transition and Post-Politics‘. In: Environment and Planning A: Economy and Space, 49 (10), S. 2383–2401. doi: www.doi.org/10.1177/0308518X17724443.
6 Schabacher, Gabriele (2022): ‚Infrastruktur-Arbeit: Kulturtechniken und Zeitlichkeit der Erhaltung‘. Kulturverlag Kadmos.
7 Star, Susan Leigh (1999): ‚The Ethnography of Infrastructure‘. In: American Behavioral Scientist, 43 (3), S. 377–391. doi: www.doi.org/10.1177/00027649921955326.
Dieser Artikel ist im IG Kultur Magazin 2026 "KULTUR MACHT GESELLSCHAFT" erschienen.
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